Psychosoziale Gesundheit und Führung

Stress reduzieren und gesund führen


Arbeitsbedingter Stress stellt in der Europäischen Union inzwischen eines der größten beruflich bedingten Gesundheitsprobleme dar.

Wenn sich bereits heute die Hälfte der rund 150 Millionen Beschäftigten in Europa bei der Arbeit erheblichem Druck ausgesetzt fühlt, sind die betriebs- und volkswirtschaftlichen Schäden beträchtlich: Die EU schätzt allein die materiellen Kosten, die durch Stress am Arbeitsplatz jährlich in der Gemeinschaft entstehen, auf rund 20 Milliarden Euro.


Zunehmende Arbeitsverdichtung, Arbeitsüberlastung, Hektik und Termindruck sorgen dafür, dass sich immer mehr MitarbeiterInnen den an sie gestellten beruflichen Aufgaben nicht mehr gewachsen fühlen. Genauso können auch Unterforderung, Eintönigkeit, fehlende Kommunikation und mangelnde Information "stressen". Oftmals fehlt es an dem Gefühl der Sinnhaftigkeit der Arbeit und Beschäftigte fühlen sich für ihr Engagement vom Arbeitgeber nicht entsprechend "belohnt".

Wenn Beschäftigte heute immer weniger zu hören bekommen "Das ist ihr persönliches Problem", dann unterstützen Unternehmen sie nicht nur durch individuelle Stressbewältigungsprogramme, sondern nehmen vermehrt auch die Arbeitsbedingungen, wie z.B. Arbeitsorganisation, -mittel und -umgebungen ins Visier, um ihre Erfolgsrechnung positiv zu beeinflussen.  

Somit wird die Unterstützung individueller Ressourcen wie die gesundheitsgerechte Gestaltung des Arbeitsumfeldes zur Managementaufgabe. Wenn vor allem Vorgesetzte entscheidend das Stressempfinden ihrer MitarbeiterInnen mitbestimmen, nehmen sie hier eine Schlüsselposition ein, indem sie z.B. besonders als Vorbild und Multiplikator gefordert sind.

 
Konsequenzen für die Praxis

Der Erfahrungsaustausch der Mitglieder des Netzwerkes Enterprise for Health (EfH) erbrachte folgendes Fazit:

  1. Verstärkte Aufmerksamkeit für ein weit verbreitetes Phänomen: Die Intensivierung der Arbeit

    Arbeitsintensivierung hat erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit im Unternehmen, die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Während die gesundheitlichen Konsequenzen in der öffentlichen Debatte bereits ausführlich diskutiert werden, sind die Auswirkungen auf Innovation und Lernen bisher noch vernachlässigt worden: Menschen unter hohem Arbeitsdruck finden allein immer weniger Zeit zum Lernen und zur persönlichen Weiterentwicklung. Neue und innovative Ideen bleiben somit auf der Strecke.

  2. Psychosoziale Gesundheit: die Archillesferse einer wissensbasierten Wirtschaft

    Politische wie betriebliche Entscheidungsträger sind sich längst darüber einig, dass Qualifikation und Wissen weltweit zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil geworden sind. Menschen sind Träger dieses wertvollen Kapitals. "Knowledge Worker" sichern mit ihrer Fähigkeit und Kreativität einen entscheidenden Wettbewerbsfaktor: die Anpassung an unvorhergesehene Veränderungen. Wenn Unternehmen angesichts der zunehmenden Arbeitsbelastung nicht entsprechend für die Gesundheit ihrer MitarbeiterInnen Sorge tragen, erhöhen sie damit die Verwundbarkeit ihrer eigenen ökonomischen Basis: die Qualität des Humanvermögens.

  3. Aufgabe einer werteorientierten Führung

    Notwendig ist ein Leadership-Bekenntnis zur Entwicklung, Gestaltung und Erhaltung einer gesundheitsförderlichen Arbeit, die es der Belegschaft ermöglicht, den Anforderungen der Erwerbstätigkeit wie auch der anderen Lebensbereiche gerecht werden zu können und die gleichzeitig eine erfolgreiche Unternehmensentwicklung sicherstellt. Management und eine Führung, die auf entsprechenden Werten basiert, gibt Orientierung für alle im Unternehmen und schafft eine gemeinsame Identität. Werteorientierte Unternehmen setzen sowohl auf Wirtschaftlichkeit wie auch auf Vertrauen und Fairness. Diese gelungene Verbindung ist die Basis aller Geschäftsbeziehungen, egal ob intern, bezogen auf die MitarbeiterInnen, oder extern zu Kunden oder Shareholdern. Vertrauen und Fairness sind die zentralen Ressourcen für nachhaltigen Erfolg in Wirtschaft und Gesellschaft und Grundpfeiler für Unternehmensgesundheit.

  4. Ein Schritt in Richtung gesundes Unternehmen

    Betriebliche Gesundheitsförderung konzentrierte sich bisher oftmals auf das individuelle Verhalten der MitarbeiterInnen. Gesunde Unternehmen gehen hier noch einen Schritt weiter: Sie kümmern sich auch um die Fähigkeit eines jeden Einzelnen, in Zeiten des Wandels nicht nur veränderungsbereit zu sein und zu bleiben, sondern diesen auch aktiv mitgestalten zu können. Dieses Vorgehen verbindet Arbeitsgestaltung und -organisation, unterstützende Führung, Lernen, Innovation und Gesundheit.

 

"Die wirtschaftliche Situation der Unternehmen - und schließlich der Länder - hängt zunehmend vom Beitrag der 'Knowledge Worker' ab. Die Organisationen, die dies nicht erkennen bzw. keine geeigneten Schritte unternehmen, um die schädlichen Auswirkungen von Arbeitsverdichtung und anderen Stressoren auf ihre Mitarbeiter zu begrenzen, könnten letztlich ihre Zukunft aufs Spiel setzen."

Dr. Graham Lowe, The Graham Lowe Group Inc., Kanada

(Keynote Speaker/Themenexperte der EfH-Sitzung "Psychosoziale Gesundheit und Führung", 13. - 14. Oktober 2003, Mondragon, Spanien)


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